Verkehrsexperte sieht großes Potenzial für neue Höllentalbahn
27.11.2010, OTZ - Ulf Rathgeber
Ist die Reaktivierung der Höllentalbahn betriebswirtschaftlich oder volkswirtschaftlich sinnvoll?
Diese Kardinal-Frage stand zur 2. Verkehrskonferenz in dieser Woche im oberfränkischen Selbitz im Mittelpunkt.
Blankenstein . Anhand von Datenerhebungen der Jahre 2007 und 2008 konnte Professor Dr. Matthias Gather vom Institut für Raum und Verkehr der Fachhochschule Erfurt die Verkehrsströme der per Bahn und Lkw transportierten Güter für den Bereich von Saalfeld bis Hof ermitteln. In der Studie waren Unternehmen in einem Korridor zehn Kilometer links und rechts der vorhandenen zwei Bahnlinien in Südostthüringen und Oberfranken befragt worden. Insgesamt 44 Firmen hatten geantwortet. Das seien 20 Prozent und gar nicht so schlecht, sagte Gather. "Die geantwortet haben, haben ein erhebliches Transport-Aufkommen." Auf Thüringer Seite soll es sogar ein Siebentel des gesamten Bahn-Volumens im Freistaat sein. Gather teilte mit, dass die über mehrere Jahre modernisierte Strecke Blankenstein Saalfeld aufnahmefähig für weitere Transportleistungen sei. "Der Schienengüterverkehr hat eine wachsende Bedeutung", sagte Gather. "Es ist eines der Verkehrsmittel mit Zukunft." Das zusätzliche Potenzial bei einem Lückenschluss Blankenstein Marxgrün bezifferte der Wissenschaftler auf 850 000 Tonnen. Dies würde eine Einsparung von 34 000 Lkw-Fahrten ermöglichen. Bei einer derzeit zwischen dem Freistaat Bayern und der Tschechischen Republik verhandelten Wiedereröffnung der Bahnlinie Selb - A würden noch einmal 50 000 Tonnen Transportgüter auf der Schiene hinzukommen. "Unser Wareneingang wird, wenn die Strecke Selb - A wiedereröffnet wird, wesentlich wachsen", erklärte der Geschäftsführer der Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal Blankenstein , Leonhard Nossol . Allein für sein Unternehmen bezifferte er das jährliche Transportvolumen, etwa von Rundholz, auf 100 000 Tonnen. "Da geht sogar noch ein bisschen mehr." Der Wunsch zur Reaktivierung der Höllentalbahn fand zur Verkehrskonferenz in Selbitz bei zwei Mitarbeitern der Verkehrsministerien von Thüringen und Bayern wenig Gegenliebe. Schienenausbau sei nicht Ländersache, betonte Hans-Jürgen Hummel für das Erfurter Ressort. Die Mittel vom Bund seien knapp gerechnet. Hummel kaprizierte sich lediglich auf den Personennahverkehr. "Wenn nicht mindestens 1000 Fahrgäste pro Tag unterwegs sind, nimmt der Bund das Projekt nicht mehr an." Dem pflichtete Florian Liese vom bayerischen Verkehrsministerium bei. "Das Projekt müsste in den Bundesverkehrswegeplan ab 2015 aufgenommen werden." Dieser sei für den Infrastrukturausbau der Schiene "originär zuständig".
Diesem Satz widersprach Stefan Winkler von der Initiative Höllennetz, die sich seit Jahren für eine Reaktivierung der Strecke Blankenstein Marxgrün einsetzt. "Im Chemiedreieck in Oberbayern ist das Land wegen 9000 Lkw von sich aus tätig geworden. Wenn das Land, die Politik es will, kann sie tätig werden." Die Effekte der Höllentalbahn seien größer als bislang angenommen. Der Schienenperso- nennahverkehr, der Güterverkehr und der Tourismus müssten mit einbezogen werden. "Wir brauchen eine großflächige Betrachtung", forderte Almut Weinert von der veranstaltenden Industrie- und Handelskammer Ostthüringen. Ihrer Ansicht nach sollten nicht nur die betriebswirtschaftlichen, sondern auch die volkswirtschaftlichen, ökologischen und perspektivischen Entwicklungen betrachtet werden. Die Version, ein privatwirtschaftliches Unternehmen zu beteiligen, brachte der CDU-Landtagsabgeordnete Siegfried Wetzel ins Gespräch. Mit der Neckar-Ulm-Bahn gab es schon ein Unternehmen, das Interesse bekundet hat. "Bis 2013 gibt es noch 80 Prozent Förderung für den Schienenausbau von der EU", sagte der Möschlitzer. Sein Slogan: "Mit dem Teufel durch die Hölle ins Paradies nach Jena ". "Wenn jemand als Betreiber die Strecke übernimmt, könnten wir auch den Schienenpersonennahverkehr bestellen", sagte Hans-Jürgen Hummel . Verkehrsexperte Gather schlug wie andere Experten auch eine Kosten-Nutzen-Analyse vor. Diese würde ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. "Die Kompetenzen werden wieder zwischen Bund und Ländern hin- und hergeschoben", ärgerte sich Fritz Sell von der Initiative Höllennetz. "Es werden immer wieder Totschlag-Argumente gefunden." |